Wochenbettdepressionen

Wenn die Traurigkeit die Freude überwiegt

Mein Name ist Jasmin, ich bin Mutter eines sieben Monate alten Mädchens, das ich abgöttisch liebe. Aber das war nicht immer so, denn die ersten Monate ihres Lebens hatte ich starke Wochenbettdepressionen. 

Bevor ich meine eigene Geschichte erzähle, kurz ein paar Fakten über Wochenbettdepressionen, die, denke ich nicht so bekannt sind:

Wochenbettdepressionen kommen nicht in den ersten Wochen nach der Geburt vor, sondern können im gesamten ersten Lebensjahr des Kindes und in seltenen Fällen auch noch danach auftreten. Sie kommen am häufigsten bei Frauen vor, aber auch 10 % von Vätern sind betroffen. Man muss sie vom Baby Blues unterscheiden. 

Der Baby Blues ist eine Phase erhöhter psychischer Empfindlichkeit und Traurigkeit, der bei den meisten Frauen vorkommt und von alleine etwa spätestens 6 Wochen nach der Geburt wieder verschwindet.

Der Baby Blues ist eine Phase erhöhter psychischer Empfindlichkeit und Traurigkeit, der bei den meisten Frauen vorkommt und von alleine etwa spätestens 6 Wochen nach der Geburt wieder verschwindet.

Bevor ich nun meine eigene Geschichte beschreibe, möchte ich eine kurze Triggerwarnung geben. Die Gefühle und Gedanken, die ich hatte und gleich beschreiben werde, sind nicht für jeden geeignet zu lesen. Darüber hinaus möchte ich betonen, dass ich kein Arzt und keine medizinische Fachkraft irgendeiner Art bin. Das ist meine ganz persönliche Geschichte und kann nicht als „Symptomerkennungsvorlage“ genutzt werde. Jede Frau und jeder Mann ist anders, jede Wochenbettdepression ist anders. Falls du dich aber in irgendetwas, dass ich beschreibe, wieder erkennst, ist mein Rat dir Hilfe zu holen und sei es nur mit einer Freundin oder einem Partner darüber reden.

Die ersten Tage und Wochen

Ich hatte eine lange und traumatische Geburt mit meiner Tochter, gefolgt von sehr anstrengenden 24 Stunden im Krankenhaus. Die erste Nacht zerbiss sie mir meine Brustwarzen, dass diese bluteten. Sie schrie die ganze Nacht. Das Krankenhaus war unterbesetzt und dank Corona durfte mein Mann nicht bei mir sein. Diese erste Nacht war, denke ich, das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, nicht so zu fühlen, wie ich dachte, dass man sich als frisch gebackene Mutter fühlen musste. Ich hatte erwartet, mein Kind sofort zu lieben. Aber stattdessen kam sie mir völlig fremd vor. Ich dachte, ich müsste nichts anderes machen wollen, als sie kuscheln, stattdessen habe ich kaum ertragen sie an die Brust zu legen. Genauso wenig habe ich es aber auch ertragen, sie im anderen Zimmer zu haben. 

Die ersten Tage und ersten zwei Wochen waren geprägt von einem ständigen Hin und Her der Gefühle. In einem Moment wollte ich sie halten und konnte nicht fassen, dass sie gesund und munter war. Im Nächsten habe ich es nicht ertragen, sie zu halten und wollte einfach nur schlafen und meine Ruhe haben. Meine Gedanken sprangen fast stündlich hin und her zwischen: „Ich bin so froh, dass ich sie habe“ und „Verdammt, wieso hab ich ein Kind bekommen“.

Ich sprach offen mit meiner Hebamme und meinem Mann darüber und meine Hebamme versicherte mir, dass dies am Anfang ganz normal ist. Man muss sein Kind erst mal kennenlernen. Die Stillprobleme, die wir beide hatten, verschlimmerte die Situation noch, denn immer mehr verband ich meine Tochter Halten mit Schmerzen. Ich legte sie an die Brust und weinte stumm, während sie mir meine Nippel zerbiss. Keiner setzte mich unter Druck, weiter zu stillen, außer mein eigener innerer Richter und die Empfehlungen der WHO, dass Muttermilch das beste sei. An dem Punkt war uns noch nicht bewusst, dass es mehr ist als der Babyblues, der bei den meisten Frauen vorkommt und langsam abklingt.

Erst nach ein paar Wochen, als die Stimmungsschwankungen abklangen, aber das Gefühl, nichts mit meinem Kind anfangen zu können blieb, wurde mir und uns immer bewusster, das, was ich fühle, nicht „normal“ ist. Ich schreibe normal extra in Anführungszeichen, denn ich denke, es ist in sofern normal, als dass Wochenbettdepressionen oder Depressionen im Allgemeinen niemals als etwas Abnormales oder Widerliches wahrgenommen werden sollten. Es waren aber eben doch Gefühle und Gedanken, die die meisten Frauen und Männer so nicht teilen.

Ich hatte keine Lust aufzustehen, wollte nur im Bett bleiben, nur meine Ruhe. Auf Weinen meiner Tochter reagierte ich genervt. Ich wollte sie nicht halten. Ich wollte keine Zeit mit ihr verbringen. Ich war froh, wenn mein Mann sich um sie kümmerte. Ich war überhaupt nicht glücklich. Ich habe mich ständig traurig gefühlt, geweint. Manchmal habe ich mich auch gänzlich leer gefühlt. Mein Herz tat weh. Der Moment, in dem mir wirklich klar wurde, dass etwas nicht stimmt war, als ich sie im Arm hielt – sie schlief friedlich – und einfach nur dachte: „Verdammt! Wieso kann sie nicht das Kind meiner Schwester sein?“. Ich war einerseits froh, dass sie auf der Welt war.

Sie war ein einfacher Säugling, schlief, fiel, schrie selten bis nie und war sehr kuschlig. Aber selbst mit diesem einfachen Säugling war ich überfordert. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht liebte. Ich dachte immer häufiger darüber nach auszuziehen, wegzugehen. Für mich war ganz klar, dass sie jemand Besseren verdiente als Mutter, als mich. Jemand, der sie lieben kann, der sie halten will. Jemand für den Zeit mit ihr verbringen, keine Qual war.

Und trotzdem war da ein Teil in mir, der furchtbare Angst um sie hatte. Einmal stolperte meine Mutter mit ihr im Arm und sofort hatte ich Bilder im Kopf, wie meine Tochter runter fällt und den Kopf aufschlägt. In solchen Momenten bekam ich Panik, Angst konnte kaum Luft kriegen. Und sofort wollte ich noch weniger Zeit mit ihr verbringen, mich noch mehr von ihr fernhalten. Ich war überfordert damit, wenn ein paar Gefühle für sie an die Oberfläche kamen und ich war überfordert damit, wenn ich nichts fühlte.

Von Anfang an habe ich darüber jedoch mit meinem Mann geredet, mit meiner Schwiegermutter, meiner Schwester, meiner Familie und meiner Hebamme. Vor allem Letztere war die beste Unterstützung, die wir uns wünschen könnten. Sie benannte es als das, was es war. Sie vermittelte mich zu Therapeuten und Einrichtungen, die sich auf so etwas spezialisierten. Die Depression blieb nicht alleine, sondern viel Wut mischte sich dazu. Ich war unfähig, irgendwelche Gefühle zu kontrollieren. Wurde ich überfordert, wurde ich wütend. Und ich war schnell überfordert. Ein kurzes Jammern meines Kindes reichte schon aus.

Wir folgten dem Rat der Therapeutin, ich versuchte mich nicht komplett aus dem Leben meines Kindes zurückzuziehen, sondern auch schöne Momente mit ihr zu erleben. 

Solange mein Mann oder meine Schwester dabei waren, ging es. Als meine Tochter etwa 3 Monate alt war, hatte ich immer mehr Momente, in denen ich die Zeit mit ihr genießen konnte. Aber immer noch war uns allen klar, dass ich nicht mit ihr alleine sein kann. Ich habe nie darüber nachgedacht, ihr etwas anzutun, wobei auch das ein recht typisches Zeichen von Wochenbettdepression wäre, aber ich habe mir selbst nicht getraut.

Mittlerweile, das kann ich vielleicht schon vorwegnehmen, habe ich nur noch selten mit solchen Gedanken und Gefühlen zu kämpfen. Ich habe meine Tochter kennen und lieben gelernt. Ich schreibe mit Absicht gelernt, denn es war für mich eben nicht plötzlich nach der Geburt. Es kam nicht alleine. Ich musste erst akzeptieren, dass ich nicht kann, was wir eigentlich geplant hatten. Ich konnte nicht stillen. Ich konnte keine Elternzeit nehmen und Vollzeitmama sein. Ich konnte nicht mit ihr alleine sein. Ich konnte meine Zeit nicht mit ihr genießen. Und das war in Ordnung.

Mithilfe von vielen Gesprächen mit Therapeuten, meiner Familie, meinem Mann und meiner Hebamme verstand ich, dass es in Ordnung ist, nicht die Mutter zu sein, die die Gesellschaft von mir erwartet zu sein. Dass ich wieder Lebensfreude zurückgewinne, unsere oberste Priorität und an der Stelle möchte ich meinem Mann danken. Denn ohne mit der Wimper zu zucken, nahm er für einige Monate beide Rollen ein: Mama und Papa.

Er fütterte sie, er stand nachts mit ihr auf, er brachte sie zurück zum Schlafen. Er war rund um die Uhr für sie da. Er gab ihr und mir genauso viel Zeit miteinander, wir meine Tochter und ich brauchten, um uns kennenzulernen, ohne zu verlangen, dass ich mehr gebe, als ich konnte. Es gab wahrscheinlich viele kleine Momente, die dazu führten, dass ich begann, das Kind, das ich machte und neun Monate unter meinem Herzen trug, zu lieben. Sie wurde interaktiver, reagierte auf mich. Sie lächelte, fing an, mir zurückzugeben. Sie griff nach mir. Sie beruhigte sich, wenn ich sie hielt.

Der eine Moment, der mir aber immer in Erinnerung bleiben wird, ist nach ihrer Impfung, als sie knapp vier Monate alt war. Sie hatte recht hohes Fieber, war schwach und erschöpft und alles, was sie wollte, war an meiner Brust liegen und kuscheln. Das war das erste Mal, dass ich bei dem Gedanken daran, für sie da zu sein, nicht zurückzuckte. Ich hielt sie die ganze Nacht. Das erste Mal kam mir nicht der Gedanke: „Oh man wieso muss ich schon wieder wach bleiben?“, sondern der Gedanke „Sie ist so perfekt. Ich liebe sie so sehr. ICH bin ihre Mama.“

Ich begann wieder zu stillen, aber nicht, weil irgendwer es von mir erwartete, sondern weil ich es wollte.

Nun ist sie sieben Monate alt und ich habe immer noch Momente, in denen ich genervt bin. In denen mir alles zu viel ist. In denen ich morgens nicht aufstehen will. Ich habe immer noch plötzliche Anfälle von Wut oder Panik. Aber ich habe mein Kind kennengelernt. Ich habe eine Beziehung zu ihr aufgebaut, mit der Hilfe und Geduld meines Partners und meines Umfeldes.

Und das alles habe ich nur geschafft, weil ich um Hilfe gebeten habe. Das ist der einzige Rat, den ich allen Müttern (und Vätern) geben kann, die das Gefühl haben, nach der Geburt ihres Kindes sich nicht so zu fühlen, wie man sich fühlen „müsste“. Sprecht darüber. Es ist nicht normal, aber es ist normal! Ihr müsst euch nicht dafür schämen. Ein Kind zu bekommen, vor allem das erste, kann alles über den Haufen werfen, was man glaubte, über sich zu wissen. Der Balance Akt zwischen der eigenen Zufriedenheit und der Zufriedenheit des Kindes ist einer den Eltern wahrscheinlich ein Leben lang brauchen zu lernen. Aber ihr seid nicht alleine.

Ihr seid nicht „falsch“. Ihr braucht vielleicht einfach ein wenig Hilfe und ein klein wenig länger eure Kinder kennen – und lieben – zu lernen.

Und das ist in Ordnung.

Jasmin Benn-Maksimovic

Foto: Laura Alexandra Benn (unbezahlte Werbung)

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